Verlorene Freundschaft?

Der folgende Text ist Teil der Blogaktion #Schattenklänge.

Aufregung und Unbehagen regten sich in ihr. Nur noch 24 Stunden! Dann würde sie Lisa wiedersehen. Lisa, ihre einst beste, streng genommen sogar einzige Freundin. Lisa, die für sie wie eine Schwester gewesen war. So viel hatten sie zusammen erlebt, trotz der über hundert Kilometer, die sie trennten.

Besuche bei der jeweils anderen waren schon immer ein Abenteuer gewesen. Als sie älter wurden, reichte das nicht mehr. Zuerst fuhren sie gemeinsam zu Jugendfreizeiten. Sobald Lisa den Führerschein hatte, konnte die beiden keiner mehr aufhalten. Einige Roadtrips hatten sie schon zusammen unternommen, viele weitere waren geplant. Sie waren jung und abenteuerlustig. Die Welt stand ihnen offen.

Die Freundinnen hatten noch so viele Pläne gehabt, als eines Tages das enge Verhältnis einen Riss bekam. Lisa hatte sie angelogen. Ja, es war eine Lappalie gewesen, aber unter Freunden log man sich doch nicht an. Ab diesem Tag war das bislang grenzenlose Vertrauen dahin. Es war der Anfang vom Ende der engen Freundschaft.

Sie hatte trotzdem versucht, an der Freundschaft festzuhalten. So viele gemeinsame Jahre warf man nicht leichtfertig weg. Gleichzeitig war ihr aber auch nur zu gut bewusst, dass sie Lisa weitaus mehr brauchte als die Freundin sie. Sonst hatte sie keine Freunde. Ihre Abende waren trostlos. Genau deshalb hatte sie sich ja in Lisas Gegenwart immer so wohl gefühlt. Wo Lisa war, herrschte ein buntes Treiben. Kein Wunder, sie war intelligent, witzig, schlagfertig und bildhübsch. In Lisas Gesellschaft fühlten sich alle wohl. Wenn sie bei Lisa zu Besuch gewesen war, hatte sie sich so viel beliebter gefühlt, als sie es wirklich war. Sie war Lisas beste Freundin gewesen. Unter all den Menschen, die sich um Lisas Aufmerksamkeit rissen, hatte diese sie auserkoren, ihr am nächsten zu stehen. Und als Lisas beste Freundin schwamm man automatisch mit auf ihrer Welle der Beliebtheit.

Doch dies war nun Vergangenheit. Lisas kleine Lüge hatte sie beide ihre Freundschaft gekostet. Dieser Vertrauensbruch ließ sich nicht mehr kitten, der Niedergang ihrer Freundschaft durch nichts mehr aufhalten. Sie hatte das Vertrauen in Lisa verloren.

Hatte sie sich früher noch als etwas Besonderes gefühlt, weil sie Lisas beste Freundin war, zweifelte sie nun mehr und mehr. Lisa konnte doch mit jedem befreundet sein, wenn sie wollte. Ein Irrsinn zu glauben, dass sie ausgerechnet sie ausgewählt hatte. Es gab Menschen, die Lisa viel häufiger sahen als sie es tat. Kaum vorstellbar, dass trotzdem sie Lisas beste Freundin sein sollte. Sie stellte das infrage, was unter Freunden niemals angezweifelt werden sollte: Lisas Loyalität.

Und dann war er gekommen, der Tag, an dem sie zum ersten und einzigen Mal in etwas besser gewesen war als Lisa. Ihr Glücksgefühl über ihr eigenes Ergebnis schwand sofort, als ihr bewusst wurde, dass sie Lisa geschlagen hatte. Lisa war es nicht gewohnt, zu verlieren. Ihr Blick sprach Bände. Nicht einmal eine Gratulation brachte sie über die Lippen.

Doch selbst da wollte sie die Freundschaft noch nicht gehen lassen. Sie hatte Lisa zu sich eingeladen, in der Hoffnung, etwas zu retten. Sie hatte einen Schritt auf sie zugemacht, doch da war es schon zu spät gewesen. Lisa hatte per SMS abgesagt. Ab da war Funkstille.

Nun, fast ein Jahr später, würden sie wieder aufeinander treffen. Einsam war das Jahr gewesen. Sie hatte ihre Freundin mehr vermisst, als sie zugeben wollte.

Oft hatte sie auf ihr Handy gesehen und zum ersten Mal war ihr aufgefallen, wie wenig Nachrichten darauf aufblinkten, wenn Lisa nicht schrieb. Sie hatte Pläne für Reisen geschmiedet und ihr fiel immer wieder auf, wie viel lustiger das doch gemeinsam mit Lisa gewesen war. Sie hatte sich danach gesehnt, jemandem ihre Geheimnisse anzuvertrauen. Gleichzeitig hätte sie sich eher die Zunge abgebissen als Lisa nochmals zu kontaktieren. Sie wollte sich selbst und allen anderen beweisen, dass sie auch alleine zurechtkam.

Nun also das Treffen. Es war ein unfreiwilliges Aufeinandertreffen, kein Versöhnungsversuch. Es ließ sich nicht vermeiden. Ein bisschen mulmig war ihr im Bauch, wenn sie daran dachte, und sie war nervöser, als sie sich selbst eingestehen wollte.

Denn in ihr regte sich noch etwas anderes.

Ein Fünkchen Hoffnung.

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2 Kommentare zu „Verlorene Freundschaft?

  1. Danke für diesen weiteren Beitrag zur Aktion.

    Gefällt 1 Person

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