Die geheime Welt der Fantasie – Von Gedanken, die keiner wissen durfte

Die folgende Geschichte ist Teil der Blogaktion #Schattenklänge.

Nein, eine Außenseiterin war sie nicht. Sie war nie eine gewesen. Einzelgängerin, das Wort traf es besser. Andere Menschen brauchte sie nicht. Wozu auch? Ihre Fantasie schuf viel spannendere Wegbegleiter.

Sie stellte sich vor, wie sie über eine grüne Wiese rannte, umgeben von lachenden Menschen, und deren Lachen klang wirklich in ihren Ohren.

Sie stellte sich vor, wie sie tausende Kilometer über dem Geschehen in der Welt auf einer Wolke saß und federleicht war, und sie fühlte sich tatsächlich so leicht, dass sie eine Feder hätte sein können.

Am einen Tag war sie eine Prinzessin, eine Zauberin am nächsten, dann ein armes Aschenputtel. Eine Erwachsene und ein paar Stunden später wieder ein kleines Kind, kleiner als sie es war.

Für sie war alles, was sie sich vorstellte, Wirklichkeit, auch wenn sie wusste, dass es nicht real war. Sie setzte ein neues Land auf die Landkarte und mit ihm alles, was dazugehört: Sie erfand eine Sprache, die dort gesprochen wurde. Legte fest, wie die Hauptstadt hieß, wie das Klima war, wie viele Menschen dort lebten. Sie schuf eine Königsfamilie. Erfand immer neue Details. Sie schrieb Tageszeitungen, in denen sie berichtete, was sich in ihrem Fantasieland ereignet hatte. Moderierte fiktive Fernsehsendungen aus dem Fantasieland. So unerschöpflich war ihre Fantasie, so akribisch arbeitete ihr Gehirn, dass alles hätte real sein können. Das Land hatte eine Regierung, Minister. Sie hatte Gesetzestexte verfasst. Das Land hatte Sportler, Musiker. Es gab historische Persönlichkeiten, eine über tausend Jahre währende Geschichte, und all das kam aus ihrem Kopf. Zeitweise erweiterte sie diese Welt um Dinge, die sie in Büchern gelesen hatte und die es wert waren, aufgenommen zu werden. Jimballa aus Michael Endes Buch Jim Knopf wurde zum Nachbarland, ebenso wie Kirsten Boies Skogland.

Überhaupt, sie las viel. Hatte die Nase immer in einem Buch. Als sie klein gewesen war, hatte sie lange vergeblich versucht, Personen aus Büchern „herauszulesen“, so wie Mo aus Tintenherz. Sie schienen ihr oftmals die besseren Freunde zu sein.

Lesen ist langweilig, hatte ihre Schulfreundin gesagt. Wer zu viel liest, schließt sich selbst aus dem sozialen Leben aus.

Sie konnte sie nicht verstehen. Hatte sie noch nie. Es gab nichts Interessanteres als Bücher, das war doch die spannendere Welt. Wer brauchte denn ein soziales Leben, wenn er die süße Verführung der Bücher haben konnte? Noch dazu gepaart mit einer eigenen, so reichen Fantasie. Warum sollte sie etwas mit Menschen unternehmen, die sie ohnehin nicht verstanden, nie verstanden hatten und auch nie verstehen würden?

Sie nahm nichts mehr wahr, wenn sie las. Neben ihr hätte eine Bombe hochgehen können, sie hätte es nicht gemerkt, wenn das Buch spannend war. Es gab einfach keine schlechten Bücher. Jedes einzelne war ein Abenteuer. Sie hätte selbst auch eines schreiben können, wenn sie gewollt hätte. Geschichten, die hatte sie schon mal verfasst. Mühsam handschriftlich zu Papier gebracht oder Papa in den Computer diktiert. Sie veröffentlichen zu lassen, war jedoch nie eine Option. Schließlich war sie noch ein Kind. Wer wollte schon die Geschichten eines Kindes lesen? Und überhaupt, es war ihre Geschichte, für niemand anderen bestimmt. Ihre geheime Welt gehörte ihr ganz alleine, die würde sie nicht teilen. Schon gar nicht mit ihren sogenannten Freunden. Die würden sie für verrückt erklären. Man konnte doch nicht auf dem Gymnasium immer noch so denken, fanden sie. Man müsse doch endlich in der Realität ankommen. Sie hatte die anderen beobachtet, wie sie mit Playmobilfiguren spielten. Ihre Freunde nahmen einfach zwei Figuren in die Hand und erklärten, was diese jetzt tun würden. Es gibt Mittagessen. Sie setzen sich ins Auto. Sie gehen reiten.

Für sie aber waren die Figuren nur Mittel zum Zweck, Marionetten in einem Schauspiel. Sie erzählte richtige Geschichten. Von Hochzeiten und Todesfällen, von Helden und Verbrechern, von Kindern und Erwachsenen. Von Familien. Sie spann dieselbe Geschichte immer weiter fort. Mit denselben Charakteren. Was sie da tat, ging so viel tiefer als das, was die anderen damit machten. Sie würden sie nicht verstehen, wenn sie ihnen davon erzählen würde, sagte sie sich. Und hielt sich bewusst von ihnen fern. Kein Mensch sollte sie kennen, wie sie wirklich war.

Ihr Kopf würde bald platzen, so viele Gedanken seien darin, hatte sie einmal gesagt. Gedanken, von denen niemand etwas wissen durfte. Denn wenn ihr eigener Kopf diese Gedanken schon fast nicht mehr aushielt, wie würde es dann anderen gehen? Sie würden sie auslachen, die Dimension gar nicht begreifen. Sie würden nicht verstehen, warum sie sich so viel ausdachte. Wie auch? Manchmal verstand sie es ja selbst nicht. Sie wusste nur, dass sie ihre Fantasie zum Leben brauchte, dass ihr Alltag trostlos und leer wäre, gäbe es die geheime Welt nicht, in die sie sich flüchtete. Die Welt zwischen den Buchdeckeln und eben jenes Universum, das ausschließlich in ihrem Kopf existierte. Aber warum, wie Dumbledore zu Harry Potter gesagt hatte, sollte etwas, das im Kopf passiert, nicht real sein?

Nichts fürchtete sie mehr als den Tag, an dem ihre Fantasiewelt verschwinden würde. Wenn ihre einzige Fluchtmöglichkeit verloren ginge. Sie wusste, der Tag würde kommen. Und doch war es ein langer Prozess, ein Kampf, den sie gegen sich selbst führte. Sie wusste, dass sie ihn nicht gewinnen konnte. Sie war nicht Peter Pan. Eines Tages würde sie erwachsen sein und die geheime Welt vor ihren Augen verschwinden.

Dennoch war es ein grausames Gefühl, als sie irgendwann nicht mehr flüchten konnte, ihre Fantasiewelt verblasste. Zu anstrengend war das echte Leben geworden, zu knapp bemessen ihre Freizeit. Zu kurz nur lastete ihre Erinnerung auf den Büchern, die sie zwischendurch noch zu lesen vermochte. Nicht lang genug, um sich davon inspirieren zu lassen. Nicht ausreichend für eine geheime Rückzugswelt. Ihre Fantasie verschwand nach und nach. Mehr und mehr spürte sie ihre Einsamkeit.

Es war ein Freitagabend. Draußen dämmerte es. Sie hörte die Stimmen von fröhlichen Menschen, die ausgelassen ins Wochenende feierten. Sie war keine von ihnen, würde nie dazugehören. Sie sehnte sich nach ihrer Fantasie, nach der heilen Welt, in die sie immer hatte flüchten können.

Dies war der Anfang ihrer Traurigkeit.

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6 Kommentare zu „Die geheime Welt der Fantasie – Von Gedanken, die keiner wissen durfte

  1. Ich bin sehr berührt. Danke für diesen Text (ich glaube, sie ist eine Verwandte von mir …).

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    1. Danke dir, ist auch wirklich ein tolles Projekt 😊

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  2. Sehr schöner Beitrag, danke. Ich in früher Jugendzeit…

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